Amphibien in Jena

 

 

Wie ist die Situation?

 

Die Amphibien sind inzwischen zur am stärksten bedrohten Wirbeltierklasse in und um Jena geworden. Noch können Vertreter von insgesamt 12 Arten angetroffen werden /1/:

 

Bergmolch, Teichmolch, Nördlicher Kammmolch, Gelbbauchunke, Knoblauchkröte, Erdkröte, Kreuzkröte, Europäischer Laubfrosch, Teichfrosch, Kleiner Wasserfrosch, Seefrosch und Grasfrosch

 

Der Nördliche Kammmolch, die Gelbbauchunke, die Kreuzkröte, der Europäischer Laubfrosch und der Grasfrosch sind davon die derzeit am meisten bedrohten Wirbeltierarten der Stadt Jena. Es steht zu befürchten, dass diese Arten ohne rasche und artspezifische Hilfsmaßnahmen innerhalb weniger Jahre auf dem Territorium unserer Stadt aussterben, wie das vermutlich mit der Wechselkröte bereits passiert ist.

 

D. von Knorre hat bei einer kritischen Durchsicht historischer Befunde sowie eigener Untersuchungen (bis 1987) zur Amphibien-Fauna im Mittleren Saaletal (das umfasst ein etwas größeres Gebiet als das der Stadt Jena) /2/ das Vorkommen von Vertretern von 17 Arten bestätigt, davon 13 für die unmittelbare Umgebung von Jena. Obwohl es nur wenige wirklich verlässliche quantitative Aussagen zu Bestandszahlen der Arten gibt, lassen sich doch Entwicklungen ableiten: Es zeigt sich „ein bereits seit der 2. Hälfte des I9. Jh. zu beobachtender stetiger, in den letzten 60 Jahren besonders deutlicher Rückgang der Amphibien als unmittelbare Folge der Beseitigung bzw. Verunreinigung ihrer Laichgewässer ab, der die Gefahr des völligen Aussterbens einzelner Arten (s. oben) im Untersuchungsgebiet in sich birgt. Aus dieser Tatsache leitet sich die besondere Verantwortung für die Erhaltung geeigneter Lebensräume unter Berücksichtigung aller erforderlichen Maßnahmen hinsichtlich der Mehrfachnutzung gerade der stadtnahen Gebietsteile ab.“ Trotz dieses großen anthropogenen Einflusses muss allerdings auch berücksichtigt werden, dass „für die Entwicklung der Fauna eines Gebietes intraspezifische Besonderheiten der einzelnen Arten zu bedenken“ sind.

 

 

Was sind derzeit die schlimmsten Gefährdungsursachen?

 

Die meisten Amphibien müssen zur Fortpflanzung das Wasser aufsuchen, wo sie ihre Eier ablegen und wo sich ihre Larven entwickeln. Deshalb sind dafür geeignete Gewässer, die auch die unterschiedlichen Ansprüche der einzelnen Arten berücksichtigen, eine Grundvoraussetzung. Leider hat sich deren Anzahl und deren Zustand in den letzten Jahrzehnten deutlich verschlechtert. Die letzten niederschlagsarmen und zu warmen Jahre haben die Situation noch verschärft. Hinzu kommt eine Reihe von durch Menschen verursachten Einflüssen, von denen die wohl gravierendsten die folgenden sind:

  • der illegale und unsinnige Besatz der Fortpflanzungsgewässer mit Fischen,
  • die Zerstörung von Laich durch Hunde, die in den Gewässern baden,
  • die Zerstörung von Laichballen des Grasfrosches durch Reiter, die durch die Gewässer reiten,
  • die Zerstörung des Amphibienlaiches durch unterschiedliche Aktivitäten von Besuchern,
  • die zu schnelle Austrocknung potenzieller Fortpflanzungsgewässer infolge klimatischer Ereignisse

 

Es war vor allem in diesem Frühjahr zu erleben, dass bedingt durch die Maßnahmen zum Schutz vor der Corona-Pandemie deutlich mehr Menschen als sonst üblich in der Natur unterwegs waren. Das ist eigentlich eine positive Entwicklung. Leider war aber auch viel zu oft zu erleben, dass der Umgang mit der Natur sehr sorglos erfolgt ist. Das betrifft gerade auch die „Benutzung“ der „Himmelsteiche“, also von Gewässern, die nur durch Niederschlag, nicht aber von Quellen gespeist sind, die an mehreren Orten auf den Hochflächen um Jena im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen angelegt worden sind und als Fortpflanzungsgewässer für Amphibien und Libellen dienen sollen. Für viele Hundebesitzer erscheint es als völlig normal, dass sie ihre Hunde in den Teichen baden lassen. Aber auch Kinder durften dort plantschen und Laichschnüre und -ballen von Amphibien aus den Gewässern entnehmen bzw. diese, vielleicht auch unwissentlich, zerstören.

 

 

Welche Maßnahmen sind zur Erhaltung des Amphibienbestandes nötig?

 

Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, die zum Teil sogar ohne großen finanziellen Aufwand geleistet werden können:

 

·     die rigorose Entfernung der Fischbestände in allen Amphibienlaichgewässern und rasche Maßnahmen, die eine Neubesetzung verhindern,

·      der Schutz der Fortpflanzungsgewässer vor dem Betreten durch Menschen und Haustiere,

·      die Anlage von fischfreien Standgewässern in der Saale-Aue,

·      die Erweiterung des Baumbestandes an der Saale, um die Entwicklung eines Auwaldes zu initiieren,

·    die bauliche Optimierung vorhandener Bachläufe, um die Struktur dieser Fließgewässer deutlich zu erhöhen,

·  die Renaturierung ehemaliger Bachläufe, wodurch auch das Mikroklima für die landwirtschaftlichen Kulturen entscheidend verbessert wird,

·    die artspezifische Neuanlage sowie eine sensible und regelmäßige Pflege bestehender Amphibien-Laichgewässer,

·     die flächendeckende Kartierung des Amphibienbestandes und der Amphibienlebensräume in der Stadt Jena,

·    die wissenschaftliche Untersuchung der Amphibienpopulationen auf das Vorkommen der Chytridpilze, deren Befall zur weiteren Dezimierung der Bestände führen kann sowie

·      die zielstrebige Unterstützung der Schutzmaßnahmen durch die Bevölkerung, Verbände und Behörden

 

Der NABU-Kreisverband Jena e.V. wird sich aktiv für den möglichst umfassenden Schutz der Amphibien und der für ihr Überleben wichtigen Kleingewässer einsetzen und gemeinsam mit den Spezialisten für die Amphibien einen Maßnahmenplan erarbeiten und der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt übergeben. Wir rufen alle auf, sorgsam und bedacht mit der Natur umzugehen und sie vor Schaden zu bewahren.

 

Weitere Informationen zu Amphibien sind hier zu finden

 

https://feldherpetologie.de/die-arbeitsgemeinschaft-feldherpetologie-artenschutz/lurch-reptil-des-jahres/

https://feldherpetologie.de/atlas/

https://feldherpetologie.de/

http://www.amphibienschutz.de

 

 

/1/ A. und C. Nöllert: „Heimische Amphibien und Reptilien in Jenas Landschaft“; Jenzig Verlag G. Köhler Golmsdorf (2018) ISBN-13: 978-3941791084

 

/2/  D. von Knorre: „Zur Herpetofauna des Mittleren Saaletales bei Jena – Funde im 19. und 20. Jahrhundert im Vergleich mit der gegenwärtigen Situation“; Wissenschaftliche  Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Univ. Jena, Naturwiss. Reihe, 36 (3), 438-449 (1987)

 

Bergmolch, Teichmolch und Nördlicher Kammmolch (jeweils Männchen in Wassertracht)

Gelbbauchunke (männl., weibl.), Knoblauchkröte, Erdkröte, Kreuzkröte und Wechselkröte (vermutlich ausgestorben)

Europäischer Laubfrosch, Teichfrosch, Kleiner Wasserfrosch (derzeit keine überprüften Nachweise), Seefrosch und Grasfrosch

Wichtige, zum Teil künstlich angelegte Amphibiengewässer in und um Jena: Jenaer Forst, Im Oelste, bei Kunitz, im Hufeisen bei Kunitz, Isserstedter Holz, Windknollen, Serbe-Tümpel und Saaleaue

 

Jenaer Forst: Die Amphibienvorkommen auf dem Jenaer Forst sind vor allem durch das nicht naturgemäße Verhalten der Besucher sehr stark gefährdet.

Im Oelste: Die Gewässer im GLB „Im Oelste“ sind durch illegalen Fischbesatz und vorzeitige Austrocknung vor dem Abschluss der Metamorphose der Arten mit einer längeren Entwicklungszeit ihrer Larven im Wasser gefährdet.

Bei Kunitz: Hier gibt es Lebensräume der Gelbbauchunke. Bisher konnte der Bestand dieser Amphibienart auch durch die sorgfältigen Pflegeeinsätze der Gleistal Agrar e.G. Golmsdorf erhalten werden.

Hufeisen bei Kunitz: Freilegung und Renaturierung ehemalige Bachläufe schafft sowohl Lebensräume für Amphibienarten als auch ein willkommenes Mikroklima für die begleitenden landwirtschaftlichen Kulturen.

Isserstedter Holz: Die Amphibienvorkommen im NSG „Isserstedter Holz“ sind durch illegalen Fischbesatz und Besucher gefährdet-

Windknollen: Der Laich unserer Schwanzlurch-Arten (v. a. Nördlicher Kammmolch) sowie von Europäischem Laubfrosch und Grasfrosch im NSG „Windknollen“ wird vielfach durch den Besucherverkehr zerstört.

Serbe-Tümpel: Der GLB „Serbetümpel“ ist durch rasche Verlandung, Faulschlammbildung und Austrocknung gefährdet.

Saaleaue: Die Saale-Aue und die früher zahlreichen Seitenbäche der Saale waren der ursprüngliche, natürliche Lebensraum aller Amphibienarten in der Stadt Jena.

 

 

(Bildnachweis: die Aufnahmen stammen von A. und C. Nöllert, außer Teichfrosch (A. Ritter) und Serbe-Tümpel (L. Nöllert)

Verbreitung Nördlicher Kammmolch

Die wenigen aktuellen Vorkommen des Nördlichen Kammmolches konzentrieren sich auf den nördlichen Teil der Stadt Jena. Es handelt sich im Wesentlichen um individuenarme Teilpopulationen.

Die Karte wurde von Katrin Wolf (TLUBN) auf Basis der Daten im Programm FIS Naturschutz des Landesamtes für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN) erstellt

Verbreitung Europäischer Laubfrosch

Die Verbreitungskarte zum Europäischen Laubfrosch zeigt eine Konzentration der wenigen Vorkommen im Norden der Stadt Jena, ihre Isolation sowie den Rückgang zwischen den Jahren 2000 und 2020.

In historischer Zeit (Hinweise ab 1836 bis etwa 1955) war die Art im Mittleren Saaletal und auf den begleitenden Hochflächen häufig bis sehr häufig: z. B. Wiesen zwischen Sulza und Rabenschüssel, Sachsensümpfe und Wiesen in der Oberaue, Seitentäler des Saaletals wie Pennickental, Mühltal und Rautal, Wöllmisse (Grafik: Katrin Wolf).

Verbreitung Grasfrosch

Die Verbreitungskarte des Grasfrosches macht die starke Abnahme der Individuenstärke und den Rückgang geeigneter Lebensräume nicht deutlich. Vor allem zwischen 2017 und 2020 konnten an einigen Fundorten keine oder sehr wenige fortpflanzungsfähige Individuen nachgewiesen werden. Zudem erfolgte dort die Zerstörung der Laichballen durch menschliche Einflüsse und durch Austrocknung der Laichgewässer. Grasfroschlarven  wurden sehr häufig von den in den Gewässern illegal angesiedelten Fischen vollständig verzehrt. In der historischen Literatur wird der Grasfrosch als überall häufig bezeichnet (Grafik: Katrin Wolf)

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