KLIMAWANDEL – vertragen wir die Wahrheit?

von Dr. Mareike Klinger-Strobel, Beisitzerin im Vorstand

 

 

Jeder Einzelne von uns kann zum Klimaschutz beitragen. Das beginnt damit, dass man einmal mehr mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zum Einkaufen fährt, statt doch aus Bequemlichkeit das motorisierte Gefährt aus der Garage zu holen. Noch viel mehr (für den Einen oder Anderen auch einfacher umsetzbar) kann man etwas gegen den Klimawandel über die eigene Entscheidung ausrichten, was im Einkaufswagen und schlussendlich auf dem eigenen Teller landet.

 

Die Massentierhaltung ist einer der Hauptverursacher von klimaschädlichen Emissionen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen hat erklärt, dass die industrielle Tierhaltung für 15 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist – das ist mehr als Emissionen aus dem Treibstoff des gesamten globalen Transportsektors (1,2). Die Lage ist schon jetzt dramatisch. Der Weltklimarat der Vereinten Nationen hat im Oktober 2018 nachdrücklich darauf hingewiesen, dass „schnelle, weitreichende und beispiellose Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft“ vorgenommen werden müssen, wenn wir den globalen Temperaturanstieg auf nicht mehr als 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau begrenzen wollen. Alles, was über diese Grenze hinausgeht, wird die Risiken von Dürre, Überschwemmungen, extremer Hitze und Armut für Hunderte von Millionen Menschen erheblich erhöhen (3, 4).

 

Für die meisten von uns, die täglich Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, ist der weltweite Wassermangel im alltäglichen Leben nicht präsent. Dennoch leben 844 Millionen Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser und 300.000 Kinder sterben jedes Jahr an Durchfall, der sich auf verschmutzte Gewässer und schlechte Hygiene zurückführen lässt (5). Es wird erwartet, dass sich die Situation in den nächsten Jahren noch deutlich verschärft und – wie so oft – die Ärmsten der Welt am meisten darunter leiden werden. Ohne Wasser gibt es kein Leben auf der Erde. Und obwohl die Oberfläche unseres Planeten überwiegend aus Wasser besteht, sind nur drei Prozent davon trinkbares Süßwasser. Davon wiederum stehen zwei Drittel dem Menschen gar nicht zur Verfügung, da es zum Beispiel in Gletschern gespeichert ist (6). Wir müssen vorsichtig sein, wie wir mit der wertvollen Ressource Wasser umgehen. Weltweit verbraucht die Landwirtschaft 70 Prozent des verfügbaren Wassers (7) – aber es ist die Tierhaltung, die am meisten verschwendet. Denn für die Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch werden durchschnittlich über 15.000 Liter Wasser benötigt (8), für die Herstellung von einem Kilogramm Kartoffeln hingegen nur 120 Liter Wasser (9). Schweine gelten als die Tiere mit dem höchsten Wasserverbrauch – einige der größten Schweinezuchtanlagen in Nordamerika verwenden Mengen an Wasser, die eine ganze Stadt versorgen könnten (4). Um Nahrung für einen Fleischesser anzubauen wird dreimal so viel Wasser benötigt wie für einen Veganer (10). Reiche, aber wasserarme Nationen wie Saudi-Arabien und Südafrika mieten bereits Millionen von Hektar Ackerland in anderen Ländern an, um die eigene Versorgung zu sichern. Das führt allerdings dazu, dass das Problem des Wassermangels in andere Regionen verlagert wird (4, 11).

 

Betrachten wir nun das weltweite Problem der Verschmutzung. Jedes Jahr werden weltweit 70 Milliarden Tiere (12) in der Massentierhaltung gezüchtet – mit dieser unvorstellbaren Menge an tierischen Lebewesen ergibt sich ein wahres Abfallproblem. Mittlerweile gibt es weitaus mehr Gülle, als Dünger auf der Erde benötigt wird oder über Abflüsse entsorgt werden kann. Gülle wird deshalb in riesigen Güllelagunen gelagert, wodurch lebensbedrohliche, giftige Gase freigesetzt werden (13, 14). Tritt sie aus den Lagunen aus oder läuft über, kann Gülle irreparable Schäden an Boden und Gewässern verursachen. Einem Bericht des Bunds für Umwelt und Naturschutz zufolge sind 92 Prozent der Gewässer in Deutschland durch Schadstoffe belastet. Als Ursachen gelten unter anderem zu viel Dünger und Pestizide in der Landwirtschaft (15). Gülle aus der Landwirtschaft führt noch zu weiteren Problemen: Durch das konstante Überdüngen der Felder sickern nitrathaltige Fäkalien ins Grundwasser und verseuchen dieses. Die Nitratwerte in Deutschland sind mittlerweile höher als in den meisten anderen Ländern in der EU. Besonders alarmierend sind die Zustände im Agrarland Niedersachsen: 60 Prozent des Grundwasserreservoirs sind dort bereits stark nitratbelaste (4, 16).

 

Auch unsere Wälder und Arten sterben aufgrund der industrielle Tierhaltung aus - die industrielle Tierhaltung benötigt nicht nur mehr Energie und Wasser als eine pflanzenbasierte Ernährungsweise, sie benötigt auch viel mehr Land. Um Platz für Weidehaltung und Ackerflächen für das Futter von Nutztieren zu schaffen, werden ganze Waldgebiete, Teile des Regenwaldes und andere uralte Lebensräume dem Erdboden gleichgemacht. Die Menschen und Tiere, die dort einst lebten, werden vertrieben oder getötet. All das hat katastrophale Folgen: Immer mehr Tierarten verschwinden unwiederbringlich von diesem Planeten. Seit 1970 wurden weltweit 60 Prozent aller Tierpopulationen ausgelöscht (17). Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zufolge steuert die Erde auf das sechste Massensterben zu. Das bekannteste Massensterben der Geschichte fand vor 65 Millionen Jahren statt und sorgte für das Verschwinden der Dinosaurier. Eine aktuelle Untersuchung (18) geht davon aus, dass 75 Prozent aller Spezies in den nächsten Jahrhunderten von der Erde verschwinden werden: Ein Massensterben ungeahnten Ausmaßes – und zugleich das erste, das von der Spezies Mensch verursacht wird (4). Im Vereinigten Königreich ist ein Fünftel der wildlebenden Säugetiere vom Aussterben bedroht (19). Im Bericht 2018 von The Mammal Society wurde die intensive Landwirtschaft als einer der wichtigsten Treiber für den Bevölkerungsrückgang der Arten genannt (4). Auch in Deutschland schreitet der Verlust der Artenvielfalt weiter voran. Fast zwei Drittel der natürlichen Lebensräume sind in Gefahr (20). Von ca. 40.000 untersuchten Tier- und Pflanzenarten in Deutschland gelten bereits ein Viertel als bedroht oder ausgestorben (21). Die Zerstörung des Ökosystems birgt auch für Menschen viele Gefahren. Gerät dieses aus dem Gleichgewicht, ist die Existenzgrundlage eines großen Teils der Weltbevölkerung gefährdet. Indem wir uns für eine umweltschonende, pflanzliche Ernährungsweise entscheiden, kann jeder und jede Einzelne dazu beitragen, den Planeten und seine Lebewesen zu schützen (4).

 

Und wie schaut es mit unseren Ozeanen aus? Über 33 Prozent der Fischbestände gelten nach Schätzungen der Food and Agricultural Organization der Vereinten Nationen (FAO) als überfischt – wobei in europäischen Gewässern die Situation besonders dramatisch ist (22). Schuld ist die kommerzielle Fischerei, die mit Fangschiffen Billionen Tiere in riesigen Netzen einfängt. Meist auf eine bestimmte Art spezialisiert, werden unzählige Tiere – darunter Wale, Delfine, Haie, Seesterne, Schildkröten und sogar tauchende Seevögel wie der legendäre Albatros – als Beifang tot oder schwer verletzt zurück ins Meer geworfen (23). Wer denkt, dass sich dieses Problem durch Fischzucht in Aquakulturen beheben lasse, liegt falsch. Um die Fische in den „Massentierhaltungsanlagen der Meere“ zu ernähren, wird zusätzlich Wildfisch gefangen und verfüttert. Aquakulturen bringen neben dem offensichtlichen Schaden an den Tieren, die dort unter widrigen Bedingungen gehalten und getötet werden, auch große Umweltschäden mit sich, wenn Fäkalien, Chemikalien und Keime aus den Netzkäfigen ins offene Meer gelangen (4).

 

Der Weltklimarat hat deutlich gemacht, dass wir nur bis 2030 Zeit haben, unsere Emissionen deutlich zu reduzieren, und dass jede Person mit einer Umgestaltung des eigenen Lebensstils zu Veränderungen beitragen kann. Wir sollten nicht nur darauf achten, wie wir reisen, wie wir unsere Häuser heizen und beleuchten, sondern vor allem auch auf die Lebensmittel, die wir konsumieren. Um noch katastrophalere Folgen des Klimawandels zu verhindern, müssen wir den Konsum tierischer Produkte drastisch reduzieren – oder besser noch, ganz beenden (4).

 

 

 

 

 

ANHANG

 

1 Springmann M, Clark M et al, ‘Options for keeping the food system within environmental limits’, Nature, 2018 www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30305731

 

2 ‘Key facts and findings’, Food and Agriculture Organization of the United Nations

 

www.fao.org/news/story/en/item/197623/icode/

 

3 Jonathan Watts, ‘We have 12 years to limit climate change catastrophe, warns UN,’ The Guardian, 8.10.2018 www.theguardian.com/environment/2018/oct/08/global-warming-must-not-exceed-15cwarns-landmark-un-report

 

4 https://www.milliondollarvegan.com/de/warum/umwelt/

 

5 Fiona Harvey, ‘Are we running out of water?’ The Guardian, 18.06.2018 www.theguardian.com/news/2018/jun/18/are-we-running-out-of-water

 

6 ‘Water Scarcity: Overview’, World Wildlife Fund, 02.12.2018

 

www.worldwildlife.org/threats/water-scarcity

 

7 John Vidal, ‘Ten ways vegetarianism can help save the planet,’ The Guardian, 18.07.2010

 

www.theguardian.com/lifeandstyle/2010/jul/18/vegetarianism-save-planet-environment

 

8 Mekonnen MM, Hoekstra AY, ‘The green, blue and grey water footprint of farm animals and animal products Volume 1: Main Report’ Unesco-IHE Institute for Water Education, 12.2010

 

www.waterfootprint.org/media/downloads/Report-48-WaterFootprint-AnimalProducts-Vol1_1.pdf

 

9 John Vidal, ‘Ten ways vegetarianism can help save the planet,’ The Guardian, 18.07.2010

 

www.theguardian.com/lifeandstyle/2010/jul/18/vegetarianism-save-planet-environment

 

10 ‘Water requirements’, The Vegan Society www.vegansociety.com/resources/environment/water-requirements

 

11 John Vidal, ‘Ten ways vegetarianism can help save the planet,’ The Guardian, 18.07.2010

 

www.theguardian.com/lifeandstyle/2010/jul/18/vegetarianism-save-planetenvironment

 

12 ‘Strategic Plan 2013-17: For kinder fairer farming worldwide’, Compassion in World Farming

 

www.ciwf.org.uk/media/3640540/ciwf_strategic_plan_20132017.pdf

 

13 ‘Essex farm workers die in slurry accident, inquest told BBC News, 05.03.2013

 

www.bbc.co.uk/news/uk-englandessex-21673403

 

14 Dunloy death farm: why is slurry so dangerous?’, BBC News, 08.06.2014

 

www.bbc.co.uk/news/uk-northernireland-27754408

 

15 ‘Flüsse und Seen in schlechtem Zustand,’ Zeit Online, 16.05.2018

 

www.zeit.de/wissen/umwelt/2018-05/gewaesserreport-seen-fluesse-verschmutztnaturschutz

 

16 Kathrin Burger, ‘Nitratwerte: In Grund und Boden,’ Spiegel Online, 01.05.2015

 

www.spiegel.de/wirtschaft/service/nitrat-imgrundwasser-durch-ueberduengung-undguelle-

 

a-1027279.html

 

17 Damian Carrington, ‘Humanity has wiped out 60% of animal populations since 1970, report

 

finds,’ The Guardian, 30.10.2018

 

www.theguardian.com/environment/2018/oct/30/humanity-wiped-out-animals-since-

 

1970-major-report-finds

 

18 Ceballos G, Ehrlich PR, Barnosky AD, García A, Pringle RM, and Palmer TM, ‘Accelerated

 

modern human–induced species losses: Entering the sixth mass extinction’, Science

 

Advances, 19.06.2015 www.advances.sciencemag.org/content/1/5/e1400253.full

 

19 Damian Carrington, ‘Fifth of Britain’s wild mammals “at high risk of extinction”, The

 

Guardian, 13.06.2018 (www.theguardian.com/environment/2018/ jun/13/fifth-of-britains-wild-mammals-athigh-risk-of-extinction)

 

20 Philip Bethge, ‘Artensterben in Deutschland: Als gäbe es kein Morgen’ Spiegel Online,

 

01.09.2017 www.spiegel.de/spiegel/artensterbenin-deutschland-als-gaebe-es-keinmorgen-

 

a-1168740.html

 

21 ‘Rote Listen gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Ausgabe 2009 ff.’

 

Bundesamt für Naturschutz, 2009 www.bfn.de/themen/rote-liste.html

 

22 ‘The State of World Fisheries and Aquaculture 2018 - Meeting the sustainable development goals’, FAO, 2018. Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO (www.fao.org/3/i9540en/I9540EN.pdf)

 

23 ‘New US regulations offer better protection from bycatch’, World Wildlife Fund, Frühling 2017

 

www.worldwildlife.org/magazine/issues/spring-2017/articles/new-us-regulationsoffer-

 

better-protection-from-bycatch

 

 

 

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